On parle du Xeme dans la langue de Luther (Frankfurter Allgeimeine)

Labor für neue Lebensformen (Le laboratoire des nouvelles formes de vie)

Lange galt das 10. Arrondissement in der feinen Gesellschaft als schäbig: Ein Viertel der Einwanderer und kleinen Leute. Doch die Kulisse ist zu pittoresk pariserisch, um unentdeckt zu bleiben.

( Si  un ou une germanophone du X pouvait taduire dans les grandes lignes, on est preneur ! )

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Die Handwerker gingen, die Hipster kommen: Blick in die Rue des Vinaigriers

( Ici étaient les artisans. Ici sont les Hipsters. Rue des Vinaigriers)

Woody – so nannten ihn die Bewohner der Straße. Der kleine Mann mit der schwarzen Brille und den wirren grauen Haaren kam immer abends die Rue Bouchardon entlang, machte den Reißverschluss seiner Hose auf und pinkelte gemütlich an den Laternenpfahl vor dem heruntergekommenen Couscous-Restaurant „Ma Bicoque“. Neben ihm, auf der Restaurantterrasse, aßen derweil müde Büroangestellte Tajine au poulet, und verliebte Paare tranken Rosé zu Spottpreisen.

Die Gäste schauten nur kurz auf die Gestalt am Laternenpfahl, fischten die Eiswürfel aus dem Rosé und warfen sie aufs Trottoir. Woody machte seine Hose wieder zu, ging dann in die Telefonzelle vor der Couscous-Baracke und führte wirre Selbstgespräche, die durch die dünne Glaswand zu hören waren. Die Cohabitation von Woody und Restaurantgästen ging über zehn Jahre so, auf der Rückseite des Théâtre de la Renaissance im 10. Arrondissement von Paris, vor den malerischen Fluchttreppen aus Eisen, die diese Ecke von Paris aussehen lassen wie das Musical-Plakat der „West Side Story“.

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Le Marché Immobilier

 

Wie für die meisten Einwohner der Stadt war für Woody die Straße seine erweiterte Wohnung, und in ihr bewegte er sich entsprechend. Und die Couscous-Terrasse war für die Bewohner dieses Arbeiter- und Immigrantenviertels ein Esszimmer, denn die kleinen Wohnungen hier haben oft Sitzbadewannen, Stehküchen mit Tresen und Hochbetten, aber nicht den Luxus eines Esszimmers. Sich auf engem Raum beim Leben zuzusehen und dennoch Distanz zu halten – das beherrschen die Pariser meisterhaft.

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Wie in allen großen Städten sind die Bezeichnungen von Vierteln oder deren Postleitzahlen Synonyme für die Identität, gesellschaftliche Stellung und Lebensart ihrer Bewohner. Sagte man bis vor kurzem bei einem Pariser Abendessen: „Ich wohne im 10. Arrondissement, hinter der Porte Saint-Martin“, schauten die meisten Gesprächspartner erst einmal hilflos über ihr Aperitifglas. Man hätte genauso gut in Brive-la-Gaillarde, Cintegabelle oder Gütersloh wohnen können, und fühlte sich für einen Moment auch so. Dabei leben hier auf dem rechten Seineufer, zwischen Gare du Nord, Canal Saint Martin und der Place de la République ungefähr so viele Menschen wie in Avignon, rund 96 000 Einwohner, und es liegt im Herzen der Stadt. Doch das 10. Arrondissement spielte bisher im Ranking der Pariser Viertel nicht wirklich eine Rolle, zumindest nicht für die arrivierten Intellektuellen.

Bobos statt Multikulti

Das hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig geändert, schon vor den Terrorattacken auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 und die Restaurants im November 2015 – nach denen die Welt geschockt auf diesen Teil von Paris schaute. Das 10. war nie ein feines Viertel und auch nicht cool wie das Marais-Viertel mit seinen Regenbogen-Bars und Performance-Galerien. Es galt trotz seiner großen Theater-Szene auch nie als besonders intellektuell, sondern war für lange Zeit einfach ein Multikulti-Arbeiterquartier im Zentrum der Stadt. Die Straßen zwischen dem Rathaus am Boulevard du Faubourg Saint-Martin, der Place de la République und dem Canal gehörte den „petits gens“, den kleinen Leuten. Keine graue Mittelklasse, sondern ein quietschbunter Haufen, in dem neben gebürtigen Franzosen viele Immigranten nebeneinanderlebten: sephardische Juden, Inder, Pakistaner, Chinesen, Portugiesen, Schwarzafrikaner. Es bildeten sich mehrere Mikroviertel mit ihren ethnischen Communities, Berufen, Restaurants, ästhetischen Codes und Lebensstilen. Die letzte große Einwanderungswelle Mitte der 1980er Jahre, in der Afrikaner und Inder kamen, prägen das Arrondissement bis heute; Symbol dafür wurden die afrikanischen Friseursalons, in denen auch heute noch bis in den späten Abend Flechtpartys stattfinden, unter lautem Palaver.

 

„Ich erinnere mich, wie ich in den siebziger Jahren mit meiner Mutter, einer Malerin, hierherkam, um Rahmen, Eisendraht und Leinwände bei den vielen Handwerkern und kleinen Spezialgeschäften zu kaufen. Es war ein quartier populaire mit lauter Hinterhofateliers“, erinnert sich die bekannte Pariser Modefotografin Frédérique Veysset, Ko-Autorin des internationalen Bestsellers „You’re so French!“. „Dieses 10. ist heute komplett verschwunden. Andererseits finde ich all die neuen Cafés, Feinkostläden und Pop-up-Stores ganz großartig, ich bin da sehr zwiegespalten. Für den angenehmen neuen Lebensstil ist etwas gestorben, und wenn ich an all das denke, wird mir richtig schlecht. Heute muss man in Paris, selbst hier, so reich sein!“

Seit zwei, drei Jahren hat sich das Viertel radikal geändert: Neu sind die immer zahlreicher werdenden „Bobos“, die Bourgeois-Bohemiens, halbarrivierte Künstler, Barbesitzer, Edel-Polsterer, Yogalehrer und Web-Designer, die hier nun leben und arbeiten, seit die ehemals ansässigen Textilunternehmen mit ihren Ateliers in die Vorstadt gezogen sind. Ein wichtiger Grund für diesen Exodus war die Stadtpolitik der sozialistischen Bürgermeister des Arrondissements, Tony Dreyfus, von 1995 bis 2008, und Rémi Féraud, ab 2008: Eindämmung des Autoverkehrs, Ausbau von Radwegen und Radverleih, Busspuren, weniger Parkplätze. Der 45 Jahre alte Rémi Féraud, der in der Pracht eines pinkfarbenen Neorenaissance-Büros residiert, erklärt: „Wir haben das Autofahren und Parken bewusst erschwert, und so sind nach dem Jahr 2000 viele Textilfirmen mit ihren Lieferwagen nach außerhalb umgezogen. Nun helfen wir Kunsthandwerkern, kleinen Lebensmittelhändlern und Boutiquen, sich in diesen Ateliers anzusiedeln.“ Erst sei es eher langsam gegangen, „aber im Moment sehen wir eine rasante Entwicklung, auch eine Boboisierung mit allen damit verbundenen Konsequenzen wie einer höheren Lebensqualität – aber auch höheren Preisen.“ Die Stadt kauft über ihre Gesellschaft Samest Ladenlokale auf und bietet sie Kleinunternehmen an, um die Monostruktur von Textilwerkstätten und afrikanischen Friseuren zu durchbrechen. Verfallene Häuser wurden abgerissen und neue Sozialwohnungen gebaut.

Ein weiterer Impuls für das Viertel war die Neugestaltung der Place de la République im Jahr 2013. „Die République ist für die Pariser nun das, was vor 20 Jahren die Bastille war – sie kommen bei schrecklichen Anlässen wie bei den Attacken, um zu trauern, sie kommen aber auch um sich zu entspannen“, sagt Féraud. Aktuell strömen die jungen Franzosen vor allem dorthin, um zu protestieren: Die Place de la République ist das Epizentrum des Jugendprotests „Nuit debout“, der gerade Frankreich erschüttert.

Dass die Rechnung der Stadtplaner aufgegangen ist und die Baumaßnahmen der Sozialisten private Investoren nach sich gezogen haben, sieht man im Straßenbild: liebevoll polierte Vespas in Mintgrün und Taubengrau, Design-Fahrräder mit riesigen Holzkisten, in denen Kinder, Kohlköpfe und Kleiderpuppen transportiert werden. Co-Working-Spaces und Bio-Läden gehören nun zum Viertel, auf das lange herabgeblickt wurde. Paris-Insider sahen das 10. Arrondissement zwar schon seit Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts als keimendes Zentrum der Kreativszene, doch das war auf ein enges Feld begrenzt: Junge Künstler und Familien schufen sich ein eigenes Biotop entlang des pittoresken Canal Saint-Martin, lange bevor der in Öko-Kaschmir gekleidete, radelnde Sounddesigner auf der Suche nach alten Tomatensorten eine Spezies der westlichen Metropolen wurde. Mit den stark steigenden Wohnungspreisen weichen die Kreativen und jungen Familien an die Ränder des Viertels aus, neue Impulsinseln entstehen in anderen Straßen.

Archetypisch pariserisch, aber gekleidet in modernem Retro-Chic

Eine dieser neuen Inseln mit Dorfcharakter ist das sogenannte „Village Saint- Martin“ um die Markthalle Saint-Martin am Ende der Rue Bouchardon, das sich zunehmend als Quartier mit eigenem Profil empfindet. Die Fassade des ehemals etwas verschlafenen, betonnüchternen Marché Saint-Martin wurde mit Holzelementen verschönert, und zu den traditionellen Fisch- und Käseständen mit ihren von großem Berufsstolz erfüllten Händlern zogen ein Café im Loft-Stil, ein deutscher Tante-Emma-Laden und Stände mit Thai Food.

Auch das Geschäft mit Ferienwohnungen im Viertel boomt. Denn vor zwei Jahren begann auch hier eine veritable Turbo-Gentrifizierung: Im Herbst 2014 eröffnete in einem aufgelassenen Textilatelier die „Copperbay Bar“ – geführt von der 35 Jahre alten Elfi Fabritius, die zuvor Markenmanagerin eines Spirituosenhauses war, dazu der Bretonin Aurélie Panhelleux und Julien Lopez, der zuvor als Chef-Barkeeper in Montpellier gearbeitet hatte. Sie sind eine neue Generation von „Liquid Chefs“ oder „Mixologistes“, die hier ihren Lebenstraum verwirklichen: die eigene, hochklassige Cocktailbar ohne imposante Türsteher wie in Luxushotels. „Wir wollten die Bar im Osten von Paris eröffnen, weil es hier so etwas in unserem Stil noch nicht gab, aber es war ein echtes Wagnis! Wir hatten keinen potenten Investor, am Anfang konnten wir uns noch nicht mal Vorhänge leisten“, sagt Elfi. Immer wenn das Trio wieder etwas Geld in der Kasse hatte, kaufte es neue Stühle oder Bilder. Und irgendwann auch den schwere blauen Samtvorhang für die großen Fenster.

Die Bar wurde sofort zum neuen Generalquartier der Bewohner des 10. Arrondissements, dazu kamen Nachtschwärmer und Touristen, die auf außergewöhnliche Cocktails mit Ruccola, Tomate und Basilikum oder selbstgemachten Blumenkohl-Sirup und Pastis stehen. In einem minimalistischen, neomaritimen Dekor entsteht allabendlich bis 2 Uhr ein bisschen Dorf im Großstadtdschungel, die WG für eine Stunde.

Ein Quartier der kleinen Leute ist das 10. längst nicht mehr: Der durchschnittliche Einwohner ist, nach Angaben des Rathauses, 37 Jahre alt, ledig und hat ein gehobenes Einkommen. Das braucht er auch. In den vergangenen 10 Jahren sind die Mieten allein in der Rue Bouchardon um 45 Prozent gestiegen. Wer heute hier wohnen möchte, muss sich anstrengen; selbst ein Appartement von 30 Quadratmetern mit der berühmten Sitzbadewanne kostet so viel wie die Beletage in einem mecklenburgischen Herrenhaus, knapp 1000 Euro. Auch die Kaufpreise sind trotz der historisch niedrigen Zinsen für die meisten vollkommen unerschwinglich: Im Februar 2016 wurde eine 15 Quadratmeter große Einzimmerwohnung über dem Marché Saint-Martin als „jolie studette“ für 165.000 Euro angeboten. Doch obwohl diese Preise immer noch unter dem Pariser Durchschnitt liegen bedeuten sie vor allem für Familien ein Riesenproblem. Ein Ende? Nicht abzusehen.

Denn das neue Leben hier ist zu schön und die Kulisse dazu auch. Das Viertel sieht archetypisch pariserisch aus, ist aber gekleidet in den subtilen Retro-Chic des Jahres 2016. Wie wertvoll solche Kulissen sind, wussten auch Pierre und Elodie Moussié, die im Herbst 2015 als vorerst letztes Symbol der galoppierenden Gentrifizierung das „Hôtel Providence“ eröffneten – in den raffiniert restaurierten Mauern des ehemaligen Null-Sterne-Hotels „Ariane“, in dem zuvor die Damen vom horizontalen Gewerbe abgestiegen waren. Das ehemalige Couscous-Restaurant „Ma Bicoque“ ist nun Teil der Hotelküche. Und Woody, der kleine Mann mit der schwarzen Brille? Seitdem Journalisten eines Style-Magazins über seinen Pinkelplatz an der Laterne geschrieben haben, wurde er hier nicht mehr gesehen.

 

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